Der Handschuh

Träume und Alpträume. Zum 100. Todestag von Max Klinger (1857-1920)

Seit dem 11. Oktober 2020 weht vor dem Alten Rathaus in der Neustraße eine Fahne, die auf die aktuelle Ausstellung hinweist. Eine wunderschöne Präsentation mit Werken des berühmten Künstlers Max Klinger, zu dessen 100. Todestag auch die Museen in München, Leipzig und Bonn den Meister würdigten. Doch leider musste die Ausstellung ab dem 1. November 2020 geschlossen werden.

Auf der Fahne sieht man die Rückansicht einer Frau in der Kleidung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, und im Vordergrund bückt sich ein Mann nach einem Handschuh, den die Dame wohl verloren hat. Beide fahren Rollschuh.

Gezeigt wird das zweite Blatt des Zyklus‘ „Der Handschuh“, den der erst 21jährige Max Klinger 1877/78 fertigte und in späteren Jahren erweiterte. Es handelt sich um eine autobiographisch geprägte Liebesgeschichte. Beliebt war in den ersten Jahren des Kaiserreiches die Rollschuhbahn in der Hasenheide, die zwischen den Berliner Bezirken Kreuzberg und Neukölln lag. Auf dem ersten Blatt mit dem Titel „Ort“ sieht man vorne links Klinger mit einem Freund, der eine junge Dame bewundert, eine brasilianische Diplomatentochter, deren Vorname mit „T“ beginnt; mehr weiß man nicht. Blatt zwei zeigt den Verlust des Handschuhs und den verliebten Künstler, der ihn aufhebt.

Die folgenden Blätter zeigen Visionen, Träume, Wünsche und Alpträume des jungen Mannes, und immer wieder den Handschuh, den Fetisch, den der junge Mann als kleinen Teil des verehrten Mädchens „anhimmelt“. Verzweifelt legt er die Hände vor die Augen (Blatt 3: Wünsche), versucht vergeblich den Handschuh den Fluten zu entreißen (Blatt 4: Rettung) und sieht, wie zwei Pferde das Objekt der Begierde in einem an eine Vulva erinnernden Gefährt davonziehen (Blatt 5: Triumph). Er huldigt dem auf einem Podest liegenden Fetisch mit einem Meer von Rosen (Blatt 6: Huldigung), liegt von Alpträumen gequält neben einem gigantischen Handschuh im Bett (Blatt 7: Ängste) und präsentiert das verehrte Kleidungsstück auf einem zierlichen Tischchen vor einer Art Vorhang, der aus lauter Handschuhen besteht (Blatt 8: Ängste). Doch unter diesem lugt das Gesicht einer Echse hervor, eines fliegenden Ungetiers, das auf der folgenden Graphik (Blatt 9: Entführung) seinen Händen das begehrte Teil endgültig entreißt. Versöhnlich, gelangweilt und auch resigniert schaut ein geflügelter Amor zum Schluss auf den Handschuh (Blatt 10: Amor). Rosen mit starken Dornen im Vordergrund symbolisieren sowohl die Süße als auch die Gefahren der Liebe, der unerfüllten Liebe.

Max Klinger war bereits in jungen Jahren ein belesener Mann, der sich wahrscheinlich mit den Arbeiten der Traumforscher Albert Scherner und Hermann Siebeck beschäftigte. Schon Jahrzehnte vor den Forschungen von Siegmund Freud befassten sich Wissenschaftler und Künstler mit dem Phänomen des Traums, und Klinger stellt die Verliebtheit, das Verlangen, die Träume, die sich um die schöne Brasilianerin drehen, im Zyklus „Der Handschuh“ kongenial dar.

Die Ausstellung „Träume und Alpträume. Zum 100. Todestag von Max Klinger (1857-1920)“ wird auf jeden Fall bis zum 28. März 2021 – vielleicht länger – in der Städtischen Galerie im Alten Rathaus in Wittlich zu sehen sein. Außerdem arbeitet das Kulturamt der Stadt Wittlich derzeit an einem virtuellen Rundgang durch die Ausstellung, der in den nächsten Tagen auf die Homepage www.kulturamt.wittlich.de gestellt werden wird.


 


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